Warum ist die finnische Lehrerausbildung exzellent? Übungsschulen sind eine Erklärung

24.5.2019
Um als qualifizierter Lehrer in Finnland zu arbeiten, unterrichten Studierende während ihres Universitätsstudiums an einer Übungsschule. Im Master-Abschluss für Klassen- und Fachlehrkräfte sind 20 Leistungspunkte für Schulpraktika vorgesehen.

Als Sirkku Myllyntausta vor 41 Jahren ihre Laufbahn als Lehrerin begann, hatte sie keinerlei Ahnung, dass sie für die Lehrerausbildung an der Universität Helsinki zuständig sein würde.

Sirkku Myllyntausta arbeitet derzeit als Dozentin und Koordinatorin für die Lehrerausbildung an der Viikki Teacher Training School in Helsinki. 

Sie ist verantwortlich für alle angehenden Klassenlehrer/innen, die während ihres obligatorischen Praktikums in die Schule kommen.

– Wir bringen Studierenden bei, fachmännisch zu beurteilen und pädagogische Entscheidungen zu treffen, sagt Sirkku Myllyntausta.

Die Übungsschulen in Finnland können mit den Ausbildungskrankenhäusern für angehende Mediziner verglichen werden. Der Lehrerberuf wird in Finnland hoch angesehen. Eine Lehrkraft ist ein Experte, vergleichbar mit einem Ingenieur, Anwalt oder Arzt.

Sinnvolles Lernen und Gleichberechtigung in der Schule

Die Förderung der Lernbereitschaft der Schüler/innen, die Stärkung des Gleichberechtigungsgeistes in der Schule und wie positive Lernergebnisse erreicht werden können sind Themen, die Sirkku Myllyntausta mit Karoliina Salonen bespricht, einer jungen angehenden Klassenlehrerin, die in einigen Minuten eine Klasse unterrichten wird.

In vielen Ländern würden Lehramtsstudierende im hinteren Teil des Klassenraums sitzen und den Unterricht beobachten. Nicht so in Finnland.

– Die Lehramtsstudierenden sind sehr engagiert und arbeiten vom ersten Tag an praxisnah. Karoliina zeigt wie es geht, sagt Sirkku Myllyntausta. Der Beruf ist herausfordernd und zeitweise auch sehr intensiv. Viel persönliches Einfühlungsvermögen ist gefragt. Lehrkräfte müssen auch in der Lage sein, ein Fazit zu ziehen und zu wissen, wann bei einer Schülerin oder einem Schüler Bedarf an Konsultation bei anderen Fachleuten ansteht, zum Beispiel Sprachtherapeuten oder Psychologen, erläutert sie.

Auch wenn die praktische Ausbildung für angehende Klassen- und Fachlehrkräfte nur 20 der insgesamt 300 Leistungspunkte eines Master-Abschlusses umfasst, ist sie für die Studierenden wirklich sinnvoll und wichtig. Die betreute praktische Ausbildung bietet allen Studierenden die Möglichkeit, das während des Studiums Gelernte in der Praxis umzusetzen. In der Lehrerausbildung geht es vor allem darum, Theorie und Praxis in Einklang zu bringen.

– Die Rolle der leitenden Lehrperson ist in der Übungsschule von großer Bedeutung, weil dies den Studierenden ermöglicht, über ihre eigene Entwicklung nachzudenken. Bei der praktischen Ausbildung geht es hauptsächlich darum, den Studierenden dabei zu helfen, sich auf vielfältige Weise als Lehrkraft weiter zu entwickeln, erklärt Karoliina Salonen.

Hoch qualifizierte Lehrkräfte

Auch wenn die zugrunde liegenden Ideen für die meisten Schulsysteme der Welt nicht neu sind, profitieren die finnischen Schulen von der geringen, weltweit schmalsten Kluft zwischen den Spitzenschulen und den leistungsschwächsten Schulen. Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben werden früh erkannt und die Schüler werden dabei besonders unterstützt. Durch die Tatsache, dass Finnland Früherziehungslehrkräfte und Lehrkräfte an Forschungsuniversitäten ausbildet, wird das Prestige noch erhöht.

Das finnische Schulsystem bietet allen Schüler/innen die gleichen Chancen, weil die grundlegende Bildung kostenfrei ist. Die Lehrkräfte genießen eine weitgehende Autonomie und haben die Möglichkeit, ihren Unterricht selbst zu organisieren. Die Schüler/innen profitieren von einem landesweiten Lehrplan, hoch qualifizierten und akademischen Lehrkräften sowie vom Unterricht, der von Forschung begleitet wird. Sowohl von Klassen- als auch Fachlehrkräften wird ein Master-Abschluss vorausgesetzt. Das Lehr- und Betreuungspersonal in Kindertagesstätten haben in der Regel einen Bachelor-Abschluss.

Angesicht zu Angesicht, Knie an Knie

Karoliina Salonen hat den Unterricht für ihr interdisziplinäres Praktikum sorgfältig geplant. Sie hat einen schriftlichen Plan und verschiedene konkrete Übungen für Fünftklässler/innen (11-Jährige) erstellt. Sie legt verschiedene Sitzordnungen in der Klasse fest. Wenn sich die Schüler/innen zum Beispiel auf das Zuhören und Sprechen konzentrieren sollen, sitzen sie dicht nebeneinander in einem Kreis. Diese Methode ist nur ein Beispiel, das den Schüler/innen hilft, miteinander zu interagieren und zu kommunizieren. In dem neuen Curriculum sind Fähigkeiten wie diese enthalten.

– Ziel des Unterrichts ist auch den Schülerinnen und Schülern beizubringen, wie sie ihr eigenes Lernen erkennen können. Sie lernen zu reden und den anderen zuzuhören. Die Schülerinnen und Schüler können die gleichen Techniken für den bevorstehenden Geschichtsunterricht verwenden. Im Vergleich zur eigentlichen Unterrichtsdauer von 45 Minuten habe ich etwa doppelt so viel Zeit für die Unterrichtsplanung aufgewendet. Aber auf diese Weise bekommt man echte Routine und mehr Erfahrung, klärt Karoliina Salonen auf.

Diese Themen würden Sie vielleicht auch interessieren:

Kirsti Lonka: Education lifted Finland out of poverty, but we need to keep developing to remain at the cutting edge (auf Englisch)

Not just crocheting and wood turning – Finnish craft education advances project management skills and a sense of competence (auf Englisch)

Jari Lavonen: The Finnish education system cannot be copied, but parts of it can be exported (auf Englisch)